Zurück Interdisziplinäres Forum »Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne«
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Referate der 3. Arbeitstagung, 13.–15. März 2002

 

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Jüdisch – weiblich – taufwillig. Jüdische Taufkandidatinnen in den Protokollen der Edzardischen Proselytenanstalt in Hamburg im 18. Jahrhundert

Jutta BRADEN, Hamburg

Die jüdische Unterschicht, aus der sich im 18. Jahrhundert die Mehrzahl der Konvertiten rekrutierte, ist bislang ein Randthema in der Forschung und mehr noch die jüdischen Unterschichtsfrauen: Ihr historisches Dasein wird meist durch eine Geschlechtsneutralität suggerierende Begrifflichkeit (»Betteljuden«) mit einem Schleier des Vergessens verhüllt. Einblick in Lebensumstände und im sozialen Bereich angesiedelte Taufmotive weiblicher Angehöriger dieser Schicht gewährt eine Quelle seriellen Charakters, nämlich die seit 1761 vorliegenden Protokolle (Jahresberichte der Verwalter) der 1667 gegründeten Edzardischen Proselytenanstalt in Hamburg, von denen die ersten 20 Jahrgänge ausgewertet wurden. Aufgezeigt werden konnte, daß die Subsistenzsicherungsmöglichkeiten jüdischer Frauen, insbesondere die der oft ohne intakte Einbindung in soziale Netze wie Familie und Verwandtschaft lebenden jüdischen Unterschichtsfrauen, aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit auf wenige berufliche Tätigkeiten, im wesentlichen auf das Dienstbotengewerbe, beschränkt waren. Die soziale Lage jüdischer Unterschichtsfrauen war mithin prekärer als die der männlichen Angehörigen dieser Schicht und ihr Abgleiten in soziale Not und Randständigkeit stets nahe. In diesen strukturellen Bedingungen liegt vermutlich die Erklärung dafür, dass sich im Vergleich zur Anzahl der männlichen taufwilligen Juden im fraglichen Zeitraum zwar weniger jüdische Frauen als taufwillig angaben, aber mehr taufwillige Frauen als Männer tatsächlich die Chance zur Integration in die christliche Gesellschaft ergriffen, die ihnen die Taufe zu bieten schien.

Jüdische Frauen waren darüber hinaus bedroht von einer geschlechtsspezifischen Form sozialer Ausgrenzung, die auf einer in der jüdischen wie christlichen Lebenswelt in der Frühen Neuzeit verbreiteten, männlich geprägten geschlechtsstereotypen Sichtweise basierte, in der an die physische Seite des weiblichen Geschlechts gebundene Delinquenz, zeitgenössisch meist mit dem Begriff »Unzucht« umschrieben, im Mittelpunkt stand. Für Jüdinnen in derartigen geschlechtsspezifischen, oft durch nichteheliche Schwangerschaften ausgelösten sozialen Notlagen, war angesichts der Privilegien, die den Taufkandidat(inn)en von der Proselytenanstalt gewährt wurden, die Bekundung von Konversionsabsichten eine Handlungsoption zur Verbesserung ihrer Lebenslage; eine Option, die für Christinnen in ähnlichen Lebenslagen nicht, aber, bedenkt man die strengen Auswahlkriterien der Anstalt, auch nicht unterschiedslos für jede(n) Angehörige(n) der jüdischen Unterschicht bestand.

Bei den jüdischen Taufkandidatinnen Hamburger Herkunft, die etwa ein Drittel der Gesamtgruppe von 95 Personen ausmachte – die übrigen zwei Drittel der taufwilligen Jüdinnen und Juden waren fremd in der Stadt – sind über Situationen akuter Subsistenznot hinaus auch niedriger dimensionierte soziale Motivlagen erkennbar. Zwei Fälle, in denen Hamburger Jüdinnen ihren Entschluss zum Glaubenswechsel zwar religiös begründeten, in denen aber – durch Verletzung der für weibliche Angehörige der jüdischen Gemeinschaft geltenden Regeln ausgelöste – familiäre Konflikte im Hintergrund offenkundig von Bedeutung waren, deuten auf einen möglichen Wandel hin. Ob soziale Bindungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im Zuge der Aufklärung destabiler wurden und die Bereitschaft auch jüdischer Frauen sich erhöhte, ihre Glaubensgemeinschaft in sozialen Konfliktlagen zu verlassen – vielleicht in Aussicht auf Integration in die christliche Gesellschaft durch die Eheschließung mit einem christlichen Mann –, bedarf allerdings noch einer genaueren Untersuchung.

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