Zurück Interdisziplinäres Forum »Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne«
zurück

Referate der 3. Arbeitstagung, 13.–15. März 2002

 

Aktuell

Tagung 2018

Tagung 2017

Tagung 2016

Tagung 2015

Tagung 2014

Tagung 2013

Tagung 2012

Tagung 2011

Tagung 2010

Tagung 2009

Tagung 2008

Tagung 2007

Tagung 2006

Tagung 2005

Tagung 2004

Tagung 2003

Tagung 2002
( 1 ) ( 2 ) ( 3 )

Tagung 2001

Tagung 2000

Publikationen

Kontakt

»Waffenrecht« und »Waffenverbot« für Juden im Mittelalter – zu einem Mythos der Forschungsgeschichte

Christine MAGIN, Münster (jetzt Greifswald)

Es ist gängige und ausschließliche Ansicht der Forschung, die Juden des Mittelalters seien ursprünglich im Besitz des »Waffenrechts« gewesen, also des Rechts, Waffen zu führen und zu benutzen, seien dieses Rechts aber im späten Mittelalter beraubt worden; ihre persönlichen, daraus resultierenden Verpflichtungen seien durch Geldzahlungen abgelöst worden. Diese Vorstellung beruht auf den Forschungen Herbert Fischers (später Arye Maimon) und Guido Kischs aus den dreißiger bis fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Jedoch ist der Begriff »Waffenrecht« in den Quellen nicht zu finden. Er wurde vielmehr erst im 19. Jahrhundert geschaffen. Zahlreiche Texte des Mittelalters vor allem aus dem städtischen Bereich erwähnen indes die Pflicht der jüdischen Einwohner, an der Stadtverteidigung mitzuwirken, sowie die Gerüftsfolge von Juden, ihre Teilnahme an gerichtlichen Zweikämpfen und ihren allgemeinen Waffengebrauch. Dies gilt bis weit ins 15. Jh. und sowohl für normative als auch erzählende Texte. Es werden sowohl »bürgerliche« Verteidigungspflichten der Juden erwähnt, die denen der Christen gleichen, als auch bedingte oder generelle Befreiungen (nicht Ausschlüsse!) von diesen Diensten sowie Militärdienste einzelner Personen. Jüdische Autoren befassen sich vor allem mit dem halachischen Problem der Verletzung des Ruhegebots am Sabbat, wenn Juden gezwungen wurden, an diesem Tag zu den Waffen zu greifen.

Es lässt sich im einzelnen nachweisen, dass Kisch die Quellen so tendenziös übersetzte und interpretierte, dass sie seiner Theorie vom sich durchsetzenden Waffenverbot für Juden entsprachen. Die Frage, ob es Juden erlaubt oder verboten war, Waffen zu tragen, verfehlt indes die Aussagen der Quellen und verstellt den Blick auf ein noch weitgehend ungelöstes Forschungsproblem, denn es gibt entgegen den Behauptungen der Handbücher zahlreiche Belege für jüdischen Waffengebrauch. Um hier zu einem neuen, zeitlich und geographisch möglichst differenzierten Bild zu gelangen, wird zu dokumentieren sein, wo, zu welcher Zeit und in welchem Kontext bewaffnete Juden erwähnt werden, ob das Waffentragen als Recht oder als Pflicht formuliert wird und welche Erkenntnisse über den rechtlich-sozialen Status der Juden sich daraus ableiten lassen.

zurück zum Programm