Zurück Interdisziplinäres Forum »Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne«
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Referate der 3. Arbeitstagung, 13.–15. März 2002

 

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Predigt und Ethik in Meneket Rivka von Rivka bat Me’ir

Frauke von ROHDEN, Berlin

In ihrem jiddischen, ethischen Buch Meneket Rivka (Prag 1609; dt. »die Amme Rebekkas«) systematisiert die 1605 in Prag verstorbene Rivka bat Me’ir Tikotin in sieben Kapiteln die sozialen Beziehungen einer Jüdin innerhalb ihrer häuslichen Lebenswelt. Die Einbettung weiblicher Verhaltensideale und sozialer Praktiken in ausführliche Versauslegungen und Erörterungen aus der rabbinischen Traditionsliteratur verleihen dem Text einen stark exegetisch-homiletisch geprägten Charakter. Ungewöhnlich ist nicht allein der Umstand, dass eine Frau im 16. Jahrhundert ein rabbinisch gelehrtes, normatives Buch verfasste, sondern darüber hinaus, dass dies Buch die lehrende und predigende Tätigkeit der Autorin widerspiegelt: auch epigrafische Quellen bezeichnen sie als »Lehrerin und Predigerin (von Frauen)« – rabbanit ve-darshanit. Der Vortrag zeigte anhand dreier Textbeispiele, wie sich Rivka bat Me’ir für die zu ihrer Zeit so ungewöhnliche Tätigkeit einer Lehrerin bzw. Predigerin für andere Frauen legitimierte und welche, zumindest punktuellen, exegetischen und ethischen Neuerungen sie gegenüber der zeitgenössischen Literatur formulierte.

So führt die Autorin einen Augenzeugenbericht über »schändliche« Vorkommnisse nicht deshalb an, um die mangelnde Einhaltung der Kashrut zu kritisieren, sondern, um sich generell als Kritikerin falschen Verhaltens und als Lehrerin für richtiges Verhalten zu legitimieren, nämlich aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung und – freiwillig übernommenen – Verantwortung für das einwandfreie Verhalten der Gemeinschaft. Ihre »empirischen« Befunde sind auch deshalb so wichtig, als sie sich als Frau nicht auf institutionell erworbene Gelehrsamkeit oder offizielle Autorität berufen kann.

Gleichwohl nutzt Rivka bat Me’ir das normative Gewicht rabbinischer Gelehrsamkeit, wie anhand der kreativen Ausformulierung einer talmudischen Auslegungskette vorgestellt wurde: die Autorin lehnt sich formal-stilistisch eng an die klassische Homilie an, weiß sie zugleich aber auch für ihre eigenen Zwecke zu adaptieren.

Dies zeigt sich auch am letzten Textbeispiel, in dem die Autorin zwar die rabbinische Auslegung von Evas Strafe referiert (Schmerzen von Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt), sich aber gleichzeitig weigert, die auch in vielen zeitgenössischen jiddischen ethischen Texten populäre Interpretation dieser Strafe als »Fluch« der Frau und als ihre »Buße« zu übernehmen. Vielmehr fasst die Autorin die weiblichen Schmerzen als natürliches Phänomen auf, während die eigentliche »Strafe« in der Herausforderung der – richtigen – Kindererziehung bestehe.

Diese Auslegung verweist auf eine gegenüber den rabbinischen Quellen eigenständige Deutung von Weiblichkeit und weiblicher Frömmigkeit, wie sie von der Forschung, nicht zuletzt aus Mangel an Quellen aus weiblicher Hand, noch weitgehend unberücksichtigt bleiben musste.

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