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Referate der 4. Arbeitstagung, 28. Februar - 2. März 2003

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Zwischen Polen und Deutschland – jüdischer Alltag nach den Memoiren des Moses Wasserzug vom Ende des 18. Jahrhunderts

Jürgen HEYDE

In der ersten, von Wolfgang TREUE moderierten Sektion stellte zunächst Jürgen HEYDE eine Quelle vor, die zu den ältesten Autobiographien polnischer Juden gehört. Ihr Autor, Moses Wasserzug (geb. um 1760 in Schokken) lebte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Großpolen. Die Erinnerungen, die mit dem Jahr 1818 enden, wurden erstmalig 1910 von Heinrich Löwe in den Jahrbüchern der Jüdisch-literarischen Gesellschaft ediert und liegen jetzt auf Deutsch vor, herausgegeben und eingeleitet von Jakob Goldberg, Jerusalem.

Obgleich ein Zeitgenosse von Salomon Maimon, dem Verfasser der wohl bekanntesten polnisch-jüdischen Autobiographie des 18. Jahrhunderts, erwähnt Wasserzug, zeitlebens frommer Jude im traditionellen Sinn, in seinen Erinnerungen die jüdische Aufklärung mit keinem Wort, sondern vermittelt vielmehr einen Einblick in jüdisches Alltagsleben, das auch im Mittelpunkt des Vortrags stand. In der Präsentation wurden zunächst in groben Zügen die Stationen seines Lebenswegs nachgezeichnet; danach folgte der Versuch, Wasserzugs Wahrnehmung des Alltags zu beschreiben. Dies geschah gleichsam in vier konzentrischen Kreisen –: zunächst anhand seiner Erfahrungen in einer ihm fremden Umwelt; sodann standen seine Eindrücke als Angestellter verschiedener jüdischer Gemeinden im Mittelpunkt; im dritten Schritt wurde das Verhältnis zur Familie und zur nächsten persönlichen Umgebung untersucht und abschließend die Person und der persönliche Wahrnehmungshorizont des Moses Wasserzug näher beleuchtet.

In seiner Darstellung durchmisst Wasserzug die Zeit von den letzten Jahren der polnisch-litauischen Adelsrepublik bis zur Errichtung Kongresspolens, ist Zeuge der zweiten und dritten Teilung Polens sowie der Errichtung des Herzogtums Warschau und der napoleonischen Kriege; seine Wanderungen führen ihn von Großpolen nach Brandenburg, in die Neumark und nach Pommern, von dort wieder zurück nach Großpolen und schließlich nach Masowien. Auf den Stationen seines Wegs registriert er genau die Unterschiede in den Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung, stellt sich jedoch dem Leser nicht als unbeteiligter Beobachter und Kommentator der politischen Entwicklung dar, sondern als eine engagierte Persönlichkeit, für die Beobachtung immer auch Anlass zu eingreifendem Handeln ist.

Bericht: Birgit Klein

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