zurück Interdisziplinäres Forum »Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne«
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Referate der 4. Arbeitstagung, 28. Februar - 2. März 2003

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Perspektiven für die Nachwelt? Jüdische und christliche Grabinschriften im Vergleich

Christine MAGIN und Christiane E. MÜLLER

Christliche Grabdenkmäler, so Christine MAGIN, dienen vor allem der Memoria, dem liturgisch-religiösen Totengedenken. Die Memoria ist nicht unabhängig von sozialen Hierarchien zu denken, so dass Grabdenkmäler darüber hinaus der Selbstdarstellung der Toten (Ämter, Verdienste), ihrer Familie (Abstammung, Standeszugehörigkeit) oder ihrer Gemeinschaft (Klerus, Orden) dienen. Auch ist im Unterschied zu jüdischen Grabsteinen und -inschriften für den christlichen Bereich bereits für das Mittelalter die Multimedialität in wesentlich stärkerem Maße zu berücksichtigen: Wer wurde wo bestattet? Wie ist sein/ihr Grabdenkmal bildlich (Haltung, Kleidung, Attribute) und inschriftlich (Formular: Standard oder ungewöhnlich; Ornamentik der Inschrift) gestaltet? Zudem gibt es neben den auf dem Grab liegenden Platten und aufrecht stehenden Grabsteinen weitere Medien des Totengedenkens (Tumben, Sarkophage usw.; unabhängig vom Grab: Epitaphien, Totenschilde usw.), die ebenso Grabinschriften aufweisen können. Hinter der Topik von solchen Inschriften stehen neben der allgemein-anthropologisch begründeten Scheu vor dem Tod auch literarische Traditionen, die in die Antike zurückreichen (z. B. des Totengedichts, lat. epitaphium), bestimmte Frömmigkeitsvorstellungen (Tod, Auferstehung, Gemeinschaft) sowie soziale und religiöse Normen, die grundsätzlich verlangen, die Toten zu rühmen und ihnen positive Eigenschaften, d. h. ein normgerechtes Leben zu attestieren. Biografische Einzelheiten, auch solche diskreditierenden Charakters, traten dabei in der Regel zurück.

Als Standardformulare können gelten: Anno domini (Datum) obiit (Epitheta, Titel) nn. (Name) cuius anima requiescat in pace (amen; Fürbitte) und Im Jahr des Herrn (Datum) starb (. . .) dessen/deren Seele Gott eine fröhliche Auferstehung verleihen wolle (Amen).

Wenn als »Selbstzeugnisse« allein solche Quellen definiert werden, in denen sich ein Selbst bewusst und ausdrücklich thematisiert (so Benigna von Krusenstjern), können Grabinschriften nicht als Selbstzeugnisse bezeichnet werden. Denn nicht vorrangig ein "Selbst", sondern vor allem soziale und religiöse Normen »diktieren« die Aussagen von Grabinschriften, sieht man von individuellen Angaben wie Namen und Lebensdaten eines Verstorbenen ab. Im Vergleich zu jüdischen Grabinschriften fällt die deutlichere (da sowohl bildlich als auch verbal erfolgende) soziale bzw. ständische Einordnung und Abgrenzung auf. Ein nachgetragenes Todesdatum ist ein sicherer Hinweis auf die Konzeption eines Grabdenkmals durch den/die Verstorbene(n) noch zu Lebzeiten. Auf vom Verstorbenen selbst verfasste Grabinschriften lassen möglicherweise unübliche und daher auffallende Formulierungen schließen (vgl. Bf. Bernward von Hildesheim, 1022: »Teil der Menschheit war ich, Bernward, jetzt liege ich gepresst in diesem schrecklichen Sarg, wertlos und, siehe, Asche. Wehe mir, dass ich mein so hohes Amt nicht gut geführt habe! Gnädiger Friede sei [meiner] Seele beschieden, und ihr, singt euer Amen«).

Die Diskussion drehte sich vor allem um einige Aspekte der christlichen Memoria (Stiftungen, Gebetsgedenken). Mehrfach zur Sprache kam auch die Gewichtung der literarischen Topik (etwa Anrede des Betrachters, Demutsgestus) im Hinblick auf den autobiografischen Einzelfall und die möglichen Adressaten der Grabinschriften (von wem sollten sie gelesen werden?). Gerade im Hinblick auf den Vergleich mit hebräischen Grabinschriften wären hier zunächst Einzeluntersuchungen zu einzelnen Aspekten mit zeitlich begrenzter Materialgrundlage wünschenswert, um von da aus zu fundierten allgemeineren Aussagen zu gelangen, die Erkenntnisse über die Auffassung von ›Selbst‹ und ›Gemeinschaft‹ in beiden Religionen bzw. Gesellschaften versprechen.

Hinsichtlich der jüdischen Grabinschriften wies Christiane E. MÜLLER zunächst darauf hin, dass sie sich in der Antike oft weder inhaltlich noch stilistisch von nichtjüdischen unterscheiden lassen. Da in der Antike überdies Mehrsprachigkeit herrschte, ist man vielfach auf jüdische Symbole und auf unter Juden gebräuchliche Namen angewiesen, um einen Text als jüdisch annehmen zu können. Als Aschkenas sich als neuer Kulturraum formierte, entstand eine Inschriftenkultur, die mit der Nähe antiker jüdischer zu paganen und christlichen Inschriften brach. Diese Inschriftenkultur entfaltete sich ausschließlich im Hebräischen und erreichte schon allein dadurch eine stilistische und inhaltliche Geschlossenheit, die in der Antike allgemein und im Mittelalter im christlichen Bereich weder möglich noch gewollt war.

Der neue Inschriftentyp hat keinen familiären Charakter mehr wie manche antiken Inschriften, sondern ist zum Nachruf der Gemeinschaft geworden. Bedeutung und Formen des Gedenkens haben sich in Aschkenas im Kontext der Kreuzzugspogrome und der späteren Verfolgungen entwickelt. Gedächtnis wird zu einer wesentlichen Aufgabe der Gemeinschaft. Das Memorbuch, das später mit seinen fürbittend-lobenden Einträgen zu einer den Grabinschriften vergleichbaren Quelle wird, entsteht als Verzeichnis von Märtyrern. Wie die Memorbücher, so positionieren auch die Inschriften die ganze Gemeinschaft in ihrem Verhältnis zu Tod und Totengedächtnis, zu dieser und zur kommenden Welt. Sie ermöglichen Gedenken, das auch spätere Generationen erreicht, die es lesend stiften. Die aschkenasischen Inschriften sind in erster Linie kein Nachruf der nächsten Hinterbliebenen, sondern eine Form des gemeinschaftlichen Gedenkens, der gemeinschaftlichen Klage und der allgemein verbindlichen Formulierung des vorbildlich gelebten Lebens.

In der Antike realisierte sich die Lobrede in den Epitheta, die weniger Lob des Lebenswandels als vielmehr Kennzeichnung des sozialen Status waren. Jüdisch antik und anfänglich auch mittelalterlich waren sie ebenso standardisiert wie die christlichen. Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit wurden die jüdischen Inschriften zunehmend zu Texten, die beispielgebend sein wollen. Die Texte werden länger, erweitern ihren Zitatenschatz; der Verstorbene scheint stärker in den Mittelpunkt zu rücken - aber nicht in seiner individuellen Unverwechselbarkeit, sondern in seinem gottgefälligen Lebenswandel, der den Kommenden als Vorbild vor Augen gestellt wird. Das Loblied, das auf die Verstorbenen gesungen wird, appelliert an die Öffentlichkeit. Der Nachruf wird Aufruf. Die großen Themen dieser Texte sind Talmud Tora (Studium der Lehre), Gemilut Chassadim (Erweis von Liebeswerken) und Awoda (Gottesdienst). Die Inschriften schärfen die zentralen Ideale einzigartig knapp ein. Damit werden sie Zeugnisse eines kollektiven »Selbst«. Die den Verstorbenen zugeschriebenen Verdienste beschreiben gleichzeitig die Ideale der Gemeinschaft. Die Inschriften bieten uns den fragmentarischen Selbstentwurf einer Gemeinschaft.

Christliche Inschriften sind »diverser«, und sie setzen damit fort, was in der Vielfalt von Begräbnisstätten und Inschriftenträgern beginnt. Es fehlt die Geschlossenheit der Themen und des sprachlichen Ausdrucks. Es geht deutlicher um Prestigestreben und Abgrenzung, um den sozial klar definierten Status und um sozialen Aufstieg. In der Diskussion ging es u. a. um die Frage, inwieweit es in den hebräischen Inschriften individuelle Zuschreibungen gibt oder ob nicht gerade die sich immer (variiert) wiederholende »Norm« das Interessante an ihnen ist, wohingegen sich sefardische Inschriften nicht in die beschriebene aschkenasische Einheitlichkeit einordnen lassen. Im 19. Jahrhundert verlassen jedoch auch aschkenasische Texte zunehmend diesen Rahmen.

Bericht: Birgit Klein

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