zurück Interdisziplinäres Forum »Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne«
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Referate der 4. Arbeitstagung, 28. Februar - 2. März 2003

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Ein Mosaik jüdischen Lebens. Selbst- und Fremdwahrnehmungen in den Verhörprotokollen des Prozesses um Hirtz Reinauer, Mosche Rossa und die Elsässer Juden (1650–1654)

Barbara STAUDINGER

In der dritten und letzten Sektion, moderiert von Rotraud Ries, widmete sich zunächst Barbara STAUDINGER einer weiteren Quellengattung fremdbestimmter Ego-Dokumente. Anders als Tagebücher und Autobiographien, die klassischen »Selbstzeugnisse« schlechthin, stellen durch gerichtliche Verhöre produzierte Dokumente keine Texte dar, die aus eigenem Antrieb selbst verfasst wurden. Aufgrund der in solchen Verhören meist enthaltenen Angaben zur Person des Zeugen sowie aufgrund der Tatsache, dass sie Erzählungen von Mitgliedern sozialer Schichten bieten, über die in den obrigkeitlichen Akten sonst nur wenig gesprochen wird, ist diese Quellengattung jedoch gerade für Forscher zu Unterschichten, Randgruppen, Alltagsleben, Geschlechterverhältnissen etc. zu einem fast unerschöpflichen Fundus geworden.

Frühneuzeitliche Gerichtsakten gelten zwar häufig als eine besonders »authentische Quellengattung«, als eine Art »unmittelbare« autobiographische Erzählung eines Verhörten vor Gericht, allerdings ist diese Zuschreibung nicht unproblematisch. Dies spiegelt sich in den stark differierenden Auffassungen über die Qualität von Gerichtsprotokollen als Selbstzeugnis in der historischen Forschung wider: Während auf der einen Seite betont wird, dass es sich bei den Aussagen der Verhörten zumeist um stereotype, rollenspezifische Angaben handelt, wie dies die historische Kriminalitätsforschung betont hat, wird auf der anderen Seite darauf hingewiesen, dass Gerichtsakten, besonders aber Verhörprotokolle, Einblicke in die Lebenspraxis von Individuen und in die Alltagskultur von bürgerlichen, unterbürgerlichen und randständischen Schichten in der Frühen Neuzeit erlauben.

Vor dem Hintergrund von grundsätzlichen Überlegungen zum Quellenwert von Verhörprotokollen als »Ego-Dokumenten« wurde anhand eines Prozesses am Reichshofrat gegen den Elsässer Juden Hirtz Reinauer aus der Mitte des 17. Jahrhunderts die Frage gestellt, wie aufschlussreich oder nicht Zeugenverhöre für die Erforschung jüdischen Lebens sein können, was sie uns erzählen und was sie verschweigen.

So können aus Verhörprotokollen Bruchstücke eines Alltags, von ökonomischen und sozialen Gegebenheiten herausgearbeitet werden – in diesem Fall angesiedelt in der Umgebung von Schlettstadt zur Zeit des 30jährigen Krieges. Die Protokolle liefern jedoch kein einheitliches Bild jüdischen Lebens, sondern eines, das durch die unterschiedlichen Interessen der Verhörten, die uns zudem oft nicht bekannt sind, verzerrt und verschleiert ist. Wir erfahren quasi nebenbei nicht nur über einen Vorfall in der Synagoge, sondern auch über Beinbrüche, Sabbatbesuche, Wirtshausgespräche etc., alles in allem eher kleine, ja winzige Einblicke als eine zusammenhängende Geschichte. Der Kontext des Krieges ist hierbei ebenso wichtig wie der soziale Rang oder die Bildung der einzelnen Zeugen, die Zeugenauswahl und überhaupt der historische Kontext des Prozesses und die Verfahrensführung. Daher sind alle noch so auf den ersten Blick »lebendigen« Einsichten in den jüdischen Alltag prinzipiell zu hinterfragen und vorsichtig zu interpretieren.

Nur wenige Zeugenaussagen bieten außerhalb der allgemeinen Angaben zum Fall (Aussagen, die sich zumeist immer wieder wiederholen) und zu den Personen selbst (Alter, Herkunft, Mobilität) überhaupt Informationen zum jüdischen Alltag oder zum jüdischen Leben auf dem Lande. Nicht nur, weil vielen Historikern oder Historikerinnen das hebräische Quellenmaterial verschlossen bleibt, sondern auch weil Zeugenverhöre vor christlichen Gerichten einen besonderen Blick auf Selbst- und Fremdwahrnehmung bieten, können Zeugenverhöre eine spannende Quelle sein. Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass wir hier die Projektion eines Lebens erhalten, nicht aber das Leben selbst.

Bericht: Birgit Klein

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