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Referate der 5. Arbeitstagung, 13. – 15. Februar 2004

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Vom Christentum zum Judentum: Konvertiten im spätmittelalterlichen deutschen Reich

Christine MAGIN

Konversionen von Christen zum Judentum sind während des Mittelalters eine seltene, aber doch alle Jahrhunderte durchziehende Erscheinung. In der Literatur werden immer wieder die spektakulären und darum in den christlichen Quellen nachweisbaren Einzelfälle der früheren Zeit genannt (Diakon Bodo-Eleazar, 9. Jh.; Diakon Wezelin, Ebf. Andreas von Bari, 11. Jh.; Priester Johannes-Obadiah, frühes 12. Jh.). Auch wird trotz Quellenmangels versucht zu belegen, dass es eine aktive Mission der Juden unter Christen gegeben habe. Um der bisher relativ summarischen und spekulativen Behandlung dieses Themas abzuhelfen, hat die Referentin damit begonnen, vor allem erzählende Quellen bis zur Reformation zusammenzutragen und auszuwerten. Mittlerweile sind ca. 35 Berichte ermittelt, in denen von einzelnen Konvertiten oder ganzen Gruppen die Rede ist. Die zeitliche Häufung der Fälle im späten Mittelalter reflektiert dabei nicht die zunehmende Bedrohung der Juden, sondern eher die verstärkte Bedeutung der Schriftlichkeit.

Ein Übertritt zum Judentum war für den oder die Konvertiten/-in mit Lebensgefahr und auch für die sie aufnehmende Gemeinde mit einem hohem Risiko verbunden: Wurden Konvertiten ergriffen, so drohte ihnen seit dem späten 13. Jahrhundert wie den Ketzern der Tod auf dem Scheiterhaufen. Abtrünnige Christen verließen daher ihre Heimatorte und tauchten unter, um dieser Gefahr zu entgehen. Daraus ergibt sich das Problem, dass sie durch diesen Schritt auch aus der christlichen Wahrnehmung, d. h. aus den Quellen verschwanden. Wieder greifbar werden sie erst dann, wenn man sie ergriff und verurteilte, also als gewissermaßen gescheiterte Konvertiten. Es ist kein einziger Fall bekannt, in dem jemand aus Todesfurcht dem jüdischen Glauben wieder den Rücken zugekehrt hätte. Daraus muss wohl auf die tiefe Glaubensüberzeugung der Konvertiten geschlossen werden. Nach Berichten geglückter Glaubenwechsel muss im hebräischen Schrifttum gesucht werden: Werke des Johannes-Obadiah und des ehemaligen Ebf. Andreas von Bari etwa sind in den Beständen der Kairoer Genizah zu finden.

Im Kirchenrecht ist überwiegend von Abhängigen, Bediensteten und ungebildeten Christen die Rede, denen soziale und religiöse Kontakte zu Juden untersagt wurden, um eine Beeinflussung zu verhindern. Indes handelt es sich bei realen Fällen sowohl im Früh- und Hochmittelalter als auch in den folgenden Jahrhunderten vor allem um Kleriker, möglicherweise mit einem leichten Übergewicht der Ordens- über die Weltgeistlichen. Vielleicht ist daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass vor allem diese Personen, die ihr ganzes Leben religiösen Fragen widmeten, in Glaubensdingen nicht etwa besonders gefestigt, sondern im Gegenteil besonders offen für religiöse Zweifel und conversiones waren. Frauen machen etwa ein Viertel der greifbaren Fälle aus. Häufige Erzählelemente der christlichen Quellen sind die folgenden: Ein irregeleiteter Geistlicher wendet sich dem Judentum zu und muss deshalb seinen Heimatort verlassen. Er wird dennoch gefangen und von den Behörden oder Familienmitgliedern unter Druck gesetzt, weigert sich aber trotz vieler Bemühungen, seinem Irrglauben abzuschwören, und kommt schließlich zu Tode. Auffällig ist dabei der mehrfach geschilderte Drang der Konvertiten, vorher ein öffentliches Bekenntnis zum Judentum abzulegen.

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