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Referate der 6. Arbeitstagung, 11. – 13. Februar 2005

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Die Torawimpel des 18. Jahrhunderts – Eine aschkenasische Besonderheit

Ulrike EICHWEBER

Die Nachmittagssektion, die von Christine MAGIN (Greifswald) moderiert wurde, begann mit einem Vortrag von Ulrike Eichweber (Augsburg) über den aschkenasischen Brauch, Torawimpel anzufertigen. Als im 4. Jahrhundert n. d. Z. die Rabbinen verfügten, die fünf Bücher Moses auf eine fortlaufende Pergament-Rolle zu schreiben, anstatt für jedes Buch eine separate Rolle anzufertigen, wurde es notwendig, diese auf zwei Stäbe aufzurollen. Um nun diese Stäbe zusammenzuhalten, bedurfte es eines Bandes. So sind Torabinder oder Mappot in allen jüdischen Gemeinden in Gebrauch, die ihre Torarollen in Mäntel hüllen.

Aus weiten Teilen von Aschkenas, d. h. den Gemeinden Deutschlands, Österreichs, Böhmens und Mährens, des Elsaß, der Niederlande und Dänemarks, sind ab Ende des 16. Jahrhunderts jedoch besondere Binder erhalten, die mit der Beschneidung in Verbindung stehen. Es handelt sich um die sog. Torah-Wimpel. Der Begriff »Wimpel« leitet sich vom althochdeutschen »Wimpfen« (»Tuch« oder »Binde«) ab. Sie wurden aus dem Tuch hergestellt, in das der Sohn nach seiner Beschneidung gewickelt worden war. Diese sog. Beschneidungswindel, hergestellt aus Leinen, manchmal auch aus Seide, wurde nach der Reinigung zumeist in vier Teile in einer Breite von ca. 12 bis 20 cm geschnitten, die aneinandergenäht ein 1,5 bis 4 Meter langes Band ergeben konnten. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden diese Bänder mit Schrift, Ornamenten und Symbolen bestickt, mitunter auch bedruckt. Danach setzte sich immer mehr das Bemalen der Wimpel durch.

Die Entstehung der Wimpel wird im Sefer Maharil oder Minhagei Maharil (gedruckt 1556) des Rabbi Jacob ben Moses Halevi Moellin von Mainz (geb. um 1360, gest.1427) erklärt. Der Maharil sei einmal Pate bei einer Beschneidung gewesen, als kein Tuch vorhanden gewesen sei, um das Kind darin einzuwickeln. Daraufhin habe er angeordnet, die Mappa, also den Torabinder, als Ersatz zu nehmen. Nach der Reinigung sollten die Eltern diesen unter Beigabe einer Spende wieder zurückbringen. Da es unwahrscheinlich ist, dass niemand ein Tuch bei der Beschneidung zur Hand hatte, wird hier die Absicht deutlich, einen Brauch auf die wichtigste Autorität des aschkenasischen Judentums zurückzuführen, um ihn zu legitimieren. Es ist wohl davon auszugehen, dass der in einigen Gegenden Europas verbreitete Brauch, ein Band, das bei der Taufe der Kinder verwendet wurde, mit Segenssprüchen zu besticken, als Inspiration hierfür diente. Indem die Torah-Wimpel eine Verbindung zwischen der Beschneidung als einem Zeichen des Bundes Gottes mit seinem Volk und der Tora als der Grundlage der Religion herstellen, wird dem Band nun allerdings eine eigene jüdische Bedeutung gegeben. Der Wimpel wird beim ersten Besuch des ein- oder dreijährigen Jungen mit seinem Vater in die Synagoge gebracht und in einer kurzen Zeremonie um die Torarolle gebunden. Noch zwei Mal wird dieser Wimpel in der Synagoge benutzt: bei der Bar Mizwa und der Hochzeit des jungen Mannes.

Der Text der Wimpel ist mit wenigen Variationen stets gleich aufgebaut: Zunächst wird der Name des Kindes genannt, dann der des Vaters. Es folgen das Geburtsdatum und ein Segensspruch, der bei der Beschneidung gesagt wird: »Der Herr möge ihm vergönnen heranzuwachsen zur Torah, zur Chuppah und zu guten Taten. Amen sela.« In vielen Fällen ziert nicht nur Schrift das Band, sondern auch florale Ornamentik sowie Symbole. Diese beziehen sich meist auf den Segensspruch, stellen Torah-Rollen oder Moses mit den Gesetzestafeln sowie ein Brautpaar unter der Chuppah – dem Hochzeitsbaldachin – dar. Daneben tauchen oft die Sternkreiszeichen und Tiere auf. Den bildlichen Darstellungen liegen sowohl jüdische Symbolik als auch volkstümliche Motive der christlichen Umwelt zu Grunde.

Allgemein lassen sich bei der Ausarbeitung der Wimpel große qualitative Unterschiede ausmachen – selbst dann, wenn die Stücke aus der gleichen Zeit und der gleichen Gemeinde stammen. Vergleichsmöglichkeiten sind zwar selten, da der Auffindekontext durch die Shoa meist zerstört ist, doch es gibt sie. So lassen sich die rund 90 in der Ichenhausener Genisa gefundenen Torah-Wimpel sämtlich dieser Gemeinde zuordnen. Aufgrund der Qualitätsunterschiede nehmen einige Forscher an, dass ausschließlich Frauen, genauer gesagt die Mutter oder andere weibliche Verwandte des Kindes, die Wimpel hergestellt hätten. Lediglich die hebräischen Buchstaben seien von Vorbetern, Schreibern, Rabbinern oder anderen Kundigen vorgemalt worden. Von einer Kombination Vorzeichner/Stickerin auch im Hinblick auf das Bildprogramm geht dagegen Annette Weber in ihrem Aufsatz zu den Ichenhausener Torah-Wimpeln aus.

Zusammenfassend lässt sich folgendes feststellen: Die Besonderheit der Torah-Wimpel liegt zum einen in ihrer Symbolkraft. Zudem verbinden sie in ihrer Ikonographie jüdische Symbolik mit volkstümlichen Elementen. Darüber hinaus lassen sie sich vor allem durch die dargestellten Hochzeitsszenen als Quelle für die Kostümkunde heranziehen. Spätestens im 18. Jahrhundert scheint sich überdies der Brauch im westaschkenasischen Umfeld so weit durchgesetzt zu haben, dass jeder Junge einen eigenen Wimpel stiftete. Man kann diesen also als eine Art Geburtsurkunde ansehen, was auch der christlichen Umwelt nicht entging. So rät eine Justizquelle, dass »ein zur Verhaftung gerathener verdächtiger Jude gleich beym ersten Verhör vornehmlich zu befragen seye: ... 6. Wo er eigentlich gebohren und beschnitten worden? ... 8. Wo seine Mappe oder Wimpel liege?«

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