Zurück Interdisziplinäres Forum »Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne«
zurück

Referate der 6. Arbeitstagung, 11. – 13. Februar 2005

weiter

Aktuell

Tagung 2019

Tagung 2018

Tagung 2016

Tagung 2015

Tagung 2014

Tagung 2013

Tagung 2012

Tagung 2011

Tagung 2010

Tagung 2009

Tagung 2008

Tagung 2007

Tagung 2006

Tagung 2005
( 1 ) ( 2 ) ( 3 )

Tagung 2004

Tagung 2003

Tagung 2002

Tagung 2001

Tagung 2000

Publikationen

Kontakt

Ex negativo? Jüdisch-christliche Konfrontationen als Element der frühneuzeitlichen Alltagskultur Westfalens und seiner Nachbargebiete

Bernd-Wilhelm LINNEMEIER

Bernd-Wilhelm Linnemeier (Münster) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit jüdisch-christlichen Konfrontationen im Kontext frühneuzeitlicher Alltagskonflikte in Westfalen und seinen Nachbargebieten. Auf der Grundlage ausgewählter Serienquellen nichtjüdisch-obrigkeitlicher Provenienz wurde versucht, das Mit- und Gegeneinander von Juden und Christen in das komplexe Gefüge einer durchaus streitbaren Alltagskultur der Frühneuzeit einzubinden. Hierbei standen Nachbarschaftskonflikte, spontane Übergriffe bzw. schikanöse Erpressungsversuche, Deeskalationsstrategien Dritter, Formen des verbalen Kräftemessens sowie spezifische Austragungsorte jüdisch-christlicher Auseinandersetzungen im Mittelpunkt der Betrachtungen.

In zeitlicher Hinsicht erstreckte sich das dem Vortrag zugrunde liegende Quellenmaterial über das Jahrhundert zwischen 1650 und 1750. Ausführlich protokollierten Verfahren der niederen Gerichtsbarkeit im kleinstädtisch-ländlichen Raum wurde hierbei gegenüber den oftmals nur bedingt aussagefähigen Brüchten- und Rügeregistern lokaler Obrigkeiten der Vorzug gegeben. Dies geschah angesichts einer – trotz aller berechtigten Quellenkritik – erkennbar größeren Tiefenschärfe, zumal die oft mehrphasigen Handlungsabläufe innerhalb der letztgenannten Überlieferungsgruppe häufig nur unzureichend dokumentiert sind.

Folgende Hypothesen wurden den referierten Beispielen vorausgeschickt. Erstens: Die – zumindest theoretische – Wiederholbarkeit bzw. die zwar statistisch schwer quantifizierbare, aber doch als Phänomen selbst zu beobachtende Häufigkeit von »Störfällen« im Zusammenleben von Juden und Nichtjuden verlieh diesen Vorkommnissen das Charakteristikum des Alltäglichen, wenngleich sie mit Blick auf das Alltagsleben der Beteiligten insgesamt als Ausnahmesituationen zu werten sein dürften. Zweitens: Es gab trotz aller ethnisch-religiösen Unterschiedlichkeiten im alltäglichen Mit-, Neben- und selbst Gegeneinander der frühneuzeitlichen Juden und Nichtjuden kulturelle Teilkongruenzen, d. h. Bereiche, innerhalb derer sich Wertvorstellungen und Verhaltensmuster offenbar ähnelten oder sogar glichen. Dies wiederum hieße, dass wenigstens Teile der frühneuzeitlichen Judenschaft in einem weitaus stärkeren Maße in die Mehrheitsgesellschaft integriert gewesen wären, als dies bisher sichtbar war bzw. durch entschiedene Verfechter von Segregationsmodellen eingeräumt wurde.

»Ex negativo« – so könnte man auf den ersten Blick tatsächlich die Perspektive bezeichnen, aus der heraus hier spezifische Berührungspunkte zwischen Juden und Nichtjuden in einer – zumeist ländlich bzw. kleinstädtisch geprägten – nordwestdeutschen Teilregion der Frühneuzeit sichtbar gemacht wurden; allerdings konnte anhand zahlreicher Beispiele eine zweite, weiterführende Wahrnehmungsebene angesprochen werden: Aktenkundig gewordene Störfälle waren zwar als häufig übersehene Segmente einer durchaus streitbaren Alltagswelt darzustellen, auf deren Spielregeln sich Juden wie Nichtjuden in vielfach vergleichbarer Weise einließen; dies sollte und durfte allerdings nicht zu einer Ausblendung dessen führen, was innerhalb der Quellen vielfach erst auf den zweiten Blick sichtbar wird, nämlich die auf Seiten der ethnisch-religiösen Minderheit und ihrer Exponenten offenbar aktiv genutzten Möglichkeiten und Spielräume der Kommunikation auch im positiven Sinne. Beides setzt Erfahrungen voraus, die nur durch die aktive Partizipation an wesentlichen Teilbereichen der umgebenden Kultur zu realisieren sind. Christoph Daxelmüller spricht in vergleichbaren Zusammenhängen daher wohl zu recht von der »Assimilation vor der Assimilation«. Eine ängstlich gewahrte gesellschaftlich-kulturelle Isolation der jüdischen Bevölkerung, allenfalls partiell aufgehoben durch lebens- und überlebensnotwendige Aktivitäten ökonomischer Art, hätte es jedoch unmöglich erscheinen lassen, Erfahrungen der oben skizzierten Art überhaupt zu sammeln.

Zugehörige Literatur: Bernd-Wilhelm Linnemeier, »Ob man dich oder einen Hund dohtsticht, ist ein Thun«. Christlich-jüdische Konfrontationen im frühneuzeitlichen Alltagsleben Westfalens, in: Barbara Krug-Richter/Ruth-E. Mohrrmann (Hgg.), Praktiken des Konfliktaustrags in der Frühen Neuzeit, Münster 2004 (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme – Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496, Bd. 6), S.  21–78; ders., Innerjüdische Alltagskonflikte der Frühen Neuzeit im Spiegel der obrigkeitlichen Überlieferung Ostwestfalens, in: Folker Siegert (Hg.), Grenzgänge – Menschen und Schicksale zwischen jüdischer, christlicher und deutscher Identität. Festschrift für Diethard Aschoff, Münster 2002 (Münsteraner Judaistische Studien 11), S.  143–160.

zurück zum Programm