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Referate der 6. Arbeitstagung, 11. – 13. Februar 2005

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Das erlebte Ende: Alltag in den »letzten Tagen«

Rebekka VOSS

Rebekka Voss (Düsseldorf) ging in ihrem Vortrag der Frage nach, in welcher Weise sich die eschatologische Naherwartung im Verhalten der Menschen manifestierte, wie man also die »letzten Tage« vor der Ankunft des Messias (er-)lebte. Unterschiedliche Beispiele vor allem aus Aschkenas aus dem 16. und 17. Jahrhundert illustrierten, wie grundlegend die Erwartung der nahenden Erlösung das menschliche Handeln prägen konnte und dass sie mehr als nur eine unbestimmte Hoffnung und Freude auslöste. Vielmehr bestimmte die eschatologische Naherwartung ganz das Denken und den Alltag in den Tagen, die für die letzten dieser Welt gehalten wurden.

Zunächst konnte sich das Selbstverständnis des erwählten Volkes in der akuten Erwartung, dass die Zeit reif sei für die Erlösung, kurzfristig zur aktiven Bemühung verdichten: Man sah sich als Werkzeug Gottes bei der Durchführung seines Heilsplanes mit der Welt verpflichtet, durch gottgefälliges Verhalten und Handeln zur Verwirklichung der messianischen Hoffnung beizutragen. Dabei kam es sehr häufig, wie infolge der Verkündigung Ascher Lemlein Reutlingens in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts oder zur Zeit Schabtai Zwis, zu breiten Bußbewegungen, damit das Ende nicht aufgrund der Sünden verzögert werde.

Doch die akute messianische »Erwartung« war noch in ganz anderer Hinsicht viel mehr als ein passives Warten oder Hoffen; sie war vielmehr eine feste Überzeugung. Man lebte ganz in der Gewissheit der baldigen Ankunft des Messias und dem Bewusstsein, dass die Tage dieser Welt, wie man sie kannte, gezählt waren. Und darauf richtete man sich ganz konkret ein. So waren für den, der in den »letzten Tagen« lebte, natürlich auch die längerfristigen Folgen, die bestimmte Handlungen in dieser Welt gewöhnlich hatten, irrelevant. Es lohnte sich außerdem nicht mehr, etwas zu beginnen, das weit in die Zukunft reichte und nur in dieser Welt Bedeutung besaß. Entsprechend mussten auch die laufenden Geschäfte schnell noch abgeschlossen werden, die Geldverleiher trieben z.B. ihre Schulden ein, wobei sie sich nicht darum kümmerten, ob sie Verluste machten, und auch die Händler verschleuderten ihre Waren zu Spottpreisen (Buchenroeder, Eilende Messias Judenpost, 1666). Dass man in der Erwartung der baldigen Ankunft des Messias seine Geschäfte abschließend abwickelte bzw. nichts Neues mehr begann, war eng verbunden mit der Vorstellung, sich bald ins gelobte Land zu begeben. So verkauften in Zeiten messianischer Erregung immer etliche ihren Besitz, packten ihre Habe zusammen und bereiteten sich auf die Abreise ins Heilige Land vor, die einige trotz aller Widrigkeiten, die sie auf der Reise zu erwarten hatten, tatsächlich antraten.

Manifestierte sich die messianische Erwartung so klar und öffentlich, blieb sie natürlich auch den Christen nicht verborgen. Und so gab es immer wieder welche, die die große Aufregung unter den Juden in ihrem eigenen Glauben verunsicherte. Denn vielleicht war ja etwas an den Gerüchten von der Ankunft des Messias, und es waren nicht die Juden, die in der Messiasfrage irrten, sondern sie, die Christen. Demgegenüber witterten die Nüchternen unter ihnen in der Abreise etlicher Juden ins Land Israel eher einen materiellen Vorteil; sie spekulierten einerseits auf den Besitz der Juden und hofften andererseits, ihre Schulden bei jüdischen Geldverleihern im Falle ihrer Abreise nicht mehr bezahlen zu müssen. Daneben wurde über jüdische messianische Bewegungen natürlich gespottet, und die unerfüllt gebliebenen Erwartungen wurden regelmäßig polemisch ausgenutzt und bewusst für missionarische Zwecke missbraucht. Dies war auf dem Hintergrund der unermesslichen Verzweiflung und Ernüchterung, wenn die Gewissheit der Erlösung schließlich doch enttäuscht wurde, natürlich ein wunder Punkt. Denn die enttäuschte Hoffnung machte einerseits die Lebensbedingungen im Exil unerträglich, und andererseits stellte sich die Frage nach der Wahrheit jüdischer Glaubensgrundlagen. So gab es immer wieder einige Juden, die die einzige Erklärung für das Nichterscheinen des Messias darin sahen, dass er dann wohl doch schon in der Person des Jesus von Nazareth gekommen sein müsse, und zum Christentum konvertierten. Zahlreicher waren allerdings immer die, die ihre Enttäuschung weniger drastisch zum Ausdruck brachten und zum Alltag vor den »letzten Tagen« zurückkehrten, die, über die die Quellen gerade deshalb allerdings auch weitgehend schweigen.

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