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Referate der 4. Arbeitstagung, 28. Februar - 2. März 2003

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»Ich verlangte sehr, sie in ihren Synagogen zu sehen ...«: Juden und jüdisches Leben im Spiegel christlicher Reiseberichte des 16. und 17. Jahrhunderts

Wolfgang TREUE

In der mit fünf Referaten dicht gefüllten zweiten Sektion, von Birgit KLEIN moderiert, ging auch Wolfgang TREUE »auf Reisen«, im Unterschied zu seinen Vorrednern jedoch mit christlicher Perspektive. Viele Reiseberichte lassen sich passagenweise als interessante ethnographische Dokumente lesen, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass es sich um Ego-Dokumente im ureigensten Sinne des Wortes handelt, die oft mehr über Person und Position des Beobachters als über den Gegenstand seiner Beobachtung aussagen. Dies gilt insbesondere für die in ihnen enthaltenen Darstellungen jüdischen Lebens, die sich nur nach eingehenden prosopographischen Recherchen – etwa hinsichtlich der sozialen Herkunft, des beruflichen Umfelds oder der konfessionellen Zugehörigkeit der Autoren – angemessen interpretieren lassen. Eine Analyse dieser Quellengattung sollte daher mindestens drei Fragestellungen umfassen:

 1. Welche generellen Meinungen/Vorurteile über Juden werden transportiert?

 2. Welcher Kenntnisstand der Verfasser über jüdische Glaubensgesetze und Zeremonien wird erkennbar, und wie wird das persönlich Beobachtete eingeordnet und bewertet?

 3. In wieweit können Reiseberichte nichtjüdischer Provenienz einen realistischen Einblick in tatsächliches jüdisches Brauchtum, lokale und regionale Minhagim, geben?

Zum einen spielten Juden für europäische Reisende gerade im Orient, aber z. B. auch in Italien häufig eine praktische Rolle als Agenten, Lieferanten, Händler oder Dolmetscher, zum anderen waren sie ein Gegenstand des Interesses und der Beobachtung, wobei sich eigene Anschauung und überlieferte Vorstellungen oft auf das engste vermischen.

Neben gängigen Klischees – etwa den weit verbreiteten Vorwürfen von Ritualmord, Hostienschändung und Blasphemie – finden sich in Reiseberichten punktuell sehr treffende Beobachtungen über einzelne Elemente jüdischen Lebens, aber auch Versuche, dieses Leben in seiner Gesamtheit zu beschreiben. Schilderungen wie die des Schweizer Arztes Thomas Platter über seinen ausgedehnten Aufenthalt in Avignon Ende des 16. Jahrhunderts liefern eine Fülle von Informationen im Hinblick auf das religiöse Brauchtum der dortigen Juden, die bei eingehender Analyse und unter Hinzuziehung anderer Quellen die Möglichkeit geben, Elemente lokalen oder regionalen Minhags aufzuspüren, die an keiner anderen Stelle so detailliert überliefert sind.

Nicht weniger interessant ist der Bericht von Platters älterem Halbbruder Felix, der während seines Medizinstudiums in Montpellier mehrere Jahre bei einem Apotheker spanisch-jüdischer Herkunft wohnte und eine anschauliche Darstellung des Lebens in einem »marranischen« Haushalt in der Provence mit seiner Vermischung von geheimen jüdischen und gleichzeitig mit voller Überzeugung gelebten christlichen Traditionen liefert, wie sie sonst kaum zu finden sein dürfte.

Um auf solche Funde zu stoßen und v.a. eine repräsentative Belegdichte zu erreichen, ist es allerdings notwendig, die Quellenbasis sehr breit zu wählen, was in der historischen Reiseforschung – auch zu anderen Themen – bisher kaum geschehen ist. Nur so ergibt sich außerdem die Möglichkeit, die Glaubwürdigkeit der gelieferten Darstellungen jüdischen Lebens zu überprüfen und phantastische Erzählungen oder auch schlichte Fehlinformationen der Autoren, die immer wieder in einzelne Reiseberichte einfließen, kritisch zu hinterfragen.

In jedem Fall scheint es angebracht, die von der Literaturwissenschaft lange Zeit mit dem negativen Etikett der »Gebrauchsliteratur« versehene und demzufolge auch von anderen Disziplinen wenig rezipierte Gattung »Reisebericht« für viele kulturwissenschaftliche Bereiche, darunter nicht zuletzt die jüdische Geschichte, in stärkerem Maße zu erschließen.

Bericht: Birgit Klein

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