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Referate der 5. Arbeitstagung, 13. – 15. Februar 2004

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Konversionen als persönliche Krisenlösung und ihre Rückwirkungen auf das jüdische Gemeindeleben – Beispiele aus Nordwestniedersachsen

Werner MEINERS

Der Beitrag stellte erste Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu Konversionen vom Judentum zum Christentum in Nordwestniedersachsen bis Mitte des 19. Jahrhunderts vor. Es betrifft Erwachsenentaufen in den Territorien des Oldenburger Landes vom Ende des 17. Jahrhundertss bis 1832. Dabei steht die Lebenssituation sog. »einfacher Juden« im Mittelpunkt der Betrachtung. Das Untersuchungsgebiet war bis auf den katholisch geprägten Südbereich, das noch heute so genannte »Oldenburger Münsterland« protestantisch ausgerichtet. Durchreisende Konvertiten lassen sich hier seit 1620 nachweisen, 1678 auch die erste Taufe eines durchreisenden Juden im hannoverschen Harpstedt. Die dauerhafte Niederlassung von Juden begann erst in den 1680er Jahren. Im Untersuchungszeitraum wuchs die jüdische Bevölkerung auf gut 700 Personen an (0,4 % der Gesamtbevölkerung). Die Zahl der bisher nachgewiesenen Konversionen beträgt 27, darunter nur zwei weibliche Konvertiten. Bedenkt man, dass sich im untersuchten Zeitraum hunderte von »fremden« jüdischen Bediensteten für längere Zeit in der Region aufgehalten haben und noch viel mehr Juden auf der Durchreise, so erscheint die Zahl der Konversionen als außerordentlich klein. Die Konversion war überwiegend eine Angelegenheit von unverheirateten jungen Männern. Das Alter reichte von 18 bis 31 Jahren; der Durchschnitt lag bei 24 Jahren. Je nach dem aktuellen Aufenthaltsort der Täuflinge richtete sich ihre neue konfessionelle Ausrichtung.

Lediglich sechs Täuflinge waren als Kinder von Schutzjuden in der Region aufgewachsen, zudem handelt es sich dabei um die spätesten Fälle aus dem Zeitraum 1823 bis 1832. Die geringe Zahl und der späte Zeitpunkt belegen die geringe Wirkung des Konversionsdrucks auf materiell halbwegs abgesicherte und in das jüdische Gemeindeleben eingebundene Juden, die noch ohne Kontakt zur bürgerlich-aufgeklärten Gesellschaft aufwuchsen. Die große Mehrheit der Tauffälle betraf bis in das 19. Jahrhunderts hinein Juden ohne hinreichende materielle Absicherung und ohne feste soziale Einbindung. Die 21 zugereisten Konvertiten stammten fast zur Hälfte aus Unterfranken und dem Rhein-Mosel-Gebiet. Nur jeweils einer war in Polen oder Böhmen beheimatet und nur drei in Nordwestdeutschland. Dieses Ergebnis stimmt mit der regionalen Herkunft der Schutzjuden und ihrer Knechte sowie der durchreisenden Betteljuden überein. Ein Großteil der zugereisten Konvertiten hatte sich vor dem Taufgesuch bereits länger als ein Jahr im Lande aufgehalten, fast durchweg als Bedienstete von Schutzjuden. Der Taufort der »fremden« Täuflinge lag allgemein weit entfernt vom Heimatort. Falls die Konvertiten schon früher mit dem Gedanken an eine Taufe gespielt hatten, wie in Einzelfällen von ihnen selbst berichtet, so sollte dies nicht dort geschehen, wo Familie und Gemeinde dagegen wirken konnten. Als Gründe für die Konversion lassen sich neben dem religiösen Motiv und der Flucht aus unerträglichen familiären oder innergemeindlichen Verhältnissen eine Reihe von materiellen Zielen erkennen, die sich aus der besonderen rechtlich-gesellschaftlichen Lage der Juden ergaben. Letzteres traf offenbar auf den Großteil der jüdischen Bediensteten zu, die (verstärkt seit Ende des 18. Jahrhunderts) durch die Taufe die Möglichkeit zur selbständigen Niederlassung und Eheschließung erwarben und sich als Händler, Schlachter oder auch als kleine Landwirte im Lande niederließen. Die Taufe beseitigte hier lediglich die letzten rechtlichen und gesellschaftlichen Hindernisse. 1832 wurde die Taufe erstmals in der Region von einem jüdischen Akademiker als Eintrittskarte in die »bessere« bürgerliche Gesellschaft genutzt.

Die Taufe des rabbinisch gebildeten Copilio Liepmann in Jever 1736 und seine anschließende Ausbildung zum Pfarrer war eng verwoben mit der Unterdrückung des jüdischen Gemeindelebens vor Ort und der fast gänzlichen Ausweisung der jüdischen Einwohner. An diesem Fall wird das Spannungsverhältnis zwischen christlicher Geistlichkeit und Täufling auf der einen Seite und einer ohnehin schon seit Jahren bedrängten jüdischen Gemeinde auf der anderen Seite besonders deutlich. Klar erkennbar ist aber auch die effektive Informationsverbreitung in einem weitgespannten innerjüdischen Netzwerk, die zur raschen Ausstreuung schwerwiegender Anschuldigungen (Ehebruch/Mord) gegen einen religiös verunsicherten jungen Juden führten und diesem die Konversion als einzigen Ausweg aus seiner hoffnungslosen Lage erscheinen ließ.

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